Die versteckten Kosten einer Massenentlassung?
von Katja Michalek
Alles über die Kosten bei Massenentlassungen, die in keinem Business Case stehen.
Survivor Syndrome am Arbeitsplatz: Wenn die Bleibenden am meisten leiden
Zwei Wochen nach der letzten Entlassungsrunde sitzt eine Führungskraft in ihrem Büro und versteht etwas nicht. Die Gespräche sind geführt, die Betroffenen haben das Unternehmen verlassen oder sind freigestellt, der Sozialplan steht, die Rechtsabteilung ist zufrieden. Eigentlich müsste jetzt Ruhe einkehren. Stattdessen passiert etwas, das in keinem Restrukturierungsplan vorgesehen war: Das Team, das geblieben ist, funktioniert schlechter als vorher. Nicht laut, nicht mit offenem Widerstand – sondern auf eine stille, schwer greifbare Art. Meetings, die früher lebendig waren, laufen zäh. Eine Mitarbeiterin, die sonst immer mitgedacht hat, liefert nur noch das Nötigste ab. Ein anderer hat sich krankgemeldet, zum dritten Mal in zwei Wochen. Und wenn die Führungskraft fragt, ob alles in Ordnung ist, kommt jedes Mal dieselbe Antwort: „Ja, passt schon.“
Es passt aber nicht. Und die Führungskraft ahnt das – sie kann nur nicht benennen, was sie sieht.
Was sie sieht, hat einen Namen. Die Forschung nennt es Survivor Syndrome: die typischen psychologischen Reaktionen derjenigen, die nach einer Entlassungswelle im Unternehmen bleiben. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Forschung zu Überlebenden des Holocaust – der Psychiater William Niederland prägte ihn in den 1960er Jahren [1]. Seit den 1990er Jahren wird er auf den Arbeitskontext übertragen, und auch wenn der Vergleich im Ausmaß nicht funktioniert, ist das Grundmuster erstaunlich ähnlich: Die Verschonten fühlen sich nicht erleichtert, sondern schuldig. Sie misstrauen der Organisation, die gerade ihre Kollegen vor die Tür gesetzt hat. Und sie fragen sich, ob sie die nächsten sind.
Dieser Artikel erklärt, was in deinem Team nach einer Entlassungswelle tatsächlich passiert, warum die üblichen Reaktionen darauf meistens falsch sind und was du als Führungskraft tun kannst, damit aus den Bleibenden nicht die nächsten Verluste werden.
Was das Survivor Syndrome von normaler Verunsicherung unterscheidet
Nach einer Restrukturierung mit Stellenabbau ist es normal, dass ein Team verunsichert ist. Neue Zuständigkeiten, unklare Perspektiven, vielleicht ein Büro, in dem plötzlich Schreibtische leer stehen – das irritiert, und es wäre merkwürdig, wenn es das nicht täte. Diese Art von Verunsicherung legt sich, wenn die Organisation Orientierung gibt und die neue Struktur greifbar wird.
Das Survivor Syndrome ist etwas anderes. Es beschreibt einen Zustand, in dem die Verunsicherung sich nicht legt, sondern verfestigt – in dem Erleichterung in Schuld umschlägt, Vertrauen in Misstrauen kippt und die Motivation sinkt, obwohl der eigene Arbeitsplatz gesichert ist. David Noer, der den Begriff in den 1990er Jahren auf den Organisationskontext übertragen hat, sprach von einer „Layoff Survivor Sickness“ und meinte damit, dass die Reaktionen der Verbleibenden nicht vorübergehende Stimmungsschwankungen sind, sondern ein systematisches Muster mit messbaren Folgen [2].
Diese Folgen sind gut dokumentiert. Finnische Langzeitstudien zeigen, dass die Rate medizinisch bescheinigter Krankheitsausfälle nach größerem Stellenabbau um mehr als das Doppelte steigen kann [3]. Brockner und Kollegen wiesen bereits in den frühen 1990er Jahren nach, dass die Arbeitsleistung der Verbleibenden nicht etwa steigt – wie manche Entscheider hoffen –, sondern in vielen Fällen deutlich sinkt [4]. Und Trevor und Nyberg zeigten, dass die freiwillige Fluktuation im Folgejahr massiv ansteigt, wenn der Prozess als unfair erlebt wurde – und zwar bei genau den Leuten, die ein Unternehmen nach einer Restrukturierung am dringendsten braucht [5].
Das Paradoxe am Survivor Syndrome ist, dass es die trifft, die es eigentlich „gut getroffen“ hat. Sie haben ihren Job behalten, und rational gibt es keinen Grund für Schuld oder Misstrauen. Aber Emotionen folgen keiner Rationalität – und genau das macht dieses Phänomen für Führungskräfte so schwer greifbar und so leicht zu übersehen.
Was im Team passiert – und warum es schlimmer wird, bevor es besser wird
Die erste Reaktion nach einer Entlassungswelle ist fast immer Erleichterung. Mich hat es nicht getroffen. Mein Job ist sicher. Diese Erleichterung ist real, und sie ist menschlich – aber sie ist flüchtig, und sie kommt selten allein. Bei vielen Verbleibenden mischt sich schon in den ersten Tagen ein Gefühl bei, das sie selbst nicht recht einordnen können: eine leise Scham darüber, erleichtert zu sein, während die Kollegin nebenan gerade ihren Schreibtisch räumt.
Aus dieser Scham wird bei manchen Schuld. Warum ich und nicht sie? Sie war länger dabei, sie hat mehr geleistet, sie hat eine Familie – und ich sitze hier und bin froh, dass es mich nicht erwischt hat. Dieses Schuldgefühl ist irrational, und die meisten Betroffenen wissen das auch. Aber Wissen schützt nicht vor Empfinden. Die Schuld frisst sich fest, gerade bei denjenigen, die enge Arbeitsbeziehungen zu den Entlassenen hatten – und das sind in einem eingespielten Team fast alle.
Parallel dazu verschiebt sich das Verhältnis zur Organisation
Was vorher Grundvertrauen war – mein Arbeitgeber wird schon wissen, was er tut, und mich fair behandeln – wird brüchig. Die Verbleibenden haben gesehen, wie schnell jemand gehen musste. Sie haben gesehen, ob die Gespräche würdevoll geführt wurden oder ob Kolleginnen mit einem Karton unter dem Arm und einer Stunde Frist das Gebäude verlassen haben. Und sie haben registriert, ob die Geschäftsleitung sich gezeigt hat oder ob die Führungskraft allein mit der Botschaft stand. Jedes dieser Details wird zu einem Datenpunkt in einer Gleichung, deren Ergebnis lautet: Kann ich diesem Unternehmen noch vertrauen? Bin ich der nächste?
Misstrauen äußert sich selten offen
Misstrauen zeigt sich darin, dass Aussagen der Geschäftsleitung auf die Goldwaage gelegt werden. Dass interne Kommunikation plötzlich Satz für Satz analysiert wird. Dass Gerüchte eine Halbwertszeit von Minuten haben und die offizielle Version eine von Sekunden.
Was dann folgt, ist eine Weggabelung, und beide Wege sind dysfunktional. Die einen ziehen sich zurück – innerlich zuerst, dann auch in der Zusammenarbeit. Sie machen ihren Job, aber nicht mehr als das. Sie bringen keine Ideen mehr ein, melden sich in Meetings nicht mehr zu Wort, gehen pünktlich. Was von außen wie Dienst nach Vorschrift aussieht, ist in Wahrheit ein Schutzmechanismus: Wer sich nicht mehr investiert, kann auch nicht mehr verletzt werden. Die anderen reagieren gegenteilig: Sie arbeiten mehr, nicht weniger. Sie übernehmen Aufgaben der Entlassenen, melden sich freiwillig für Sonderprojekte, sind die Ersten morgens und die Letzten abends. Das sieht produktiv aus, ist aber genauso dysfunktional – denn dahinter steht nicht Motivation, sondern Angst. Wer sichtbar viel leistet, so die unbewusste Logik, wird beim nächsten Mal verschont. Beide Reaktionen – Rückzug und Überanpassung – stabilisieren das Team nicht. Sie verbrauchen Energie, die für die eigentliche Arbeit fehlt.
Wenn du als Führungskraft in den Wochen nach einer Entlassungswelle das Gefühl hast, dass dein Team gleichzeitig da und nicht da ist – dass die Leute zwar an ihren Plätzen sitzen, aber etwas Wesentliches fehlt –, dann siehst du wahrscheinlich genau dieses Muster.
Der übersehene Mechanismus: Wie Verbleibende die Fairness des Prozesses bewerten
Was darüber entscheidet, wie stark das Survivor Syndrome ein Team trifft, ist nicht die Tatsache, dass entlassen wurde. Unternehmen bauen Stellen ab – das gehört zur wirtschaftlichen Realität, und die meisten Mitarbeitenden verstehen das, auch wenn es schmerzt. Was den Unterschied macht, ist die Art und Weise, wie der Prozess gelaufen ist.
Die Gerechtigkeitsforschung hat das in den letzten Jahrzehnten konsistent belegt: Verbleibende beobachten nicht nur, ob entlassen wurde, sondern wie [6]. Wurde die Entscheidung nachvollziehbar begründet, oder kam sie wie ein Überfall? Wurden die Betroffenen in den Gesprächen respektvoll behandelt, oder wurden sie mit einem Standardsatz und einer Stunde Frist aus dem Unternehmen geleitet? Gab es Outplacement, Unterstützungsangebote, eine anständige Abfindung – oder das gesetzliche Minimum und die Botschaft, sich nicht so anzustellen? Und vielleicht am wichtigsten: Hat sich die Geschäftsleitung gezeigt, oder hat sie die Gespräche komplett an die Führungskräfte delegiert und sich hinter geschlossenen Türen unsichtbar gemacht?
Die Antworten auf diese Fragen bestimmen, wie viel Vertrauen im Team übrig bleibt. Brockner und Kollegen konnten bereits in den 1990er Jahren zeigen, dass die Reaktionen der Verbleibenden weniger von der Entlassung selbst abhängen als davon, wie fair sie den Umgang mit den Betroffenen erlebt haben [4]. Colquitts Meta-Analyse zur Organisationsgerechtigkeit bestätigt das über viele Studien hinweg: Prozedurale Fairness – also die wahrgenommene Gerechtigkeit des Verfahrens – ist ein stärkerer Prädiktor für Vertrauen, Commitment und Leistungsbereitschaft als das Ergebnis selbst [6].
Übersetzt in den Führungsalltag heißt das: Dein Team bewertet nicht in erster Linie, ob die Restrukturierung nötig war. Es bewertet, ob die Menschen, die gehen mussten, anständig behandelt wurden. Und es liest diese Behandlung als Signal dafür, wie es selbst im Ernstfall behandelt würde. Wer erlebt hat, dass Kolleginnen würdevoll verabschiedet wurden, dass die Gespräche ehrlich geführt und die Rahmenbedingungen fair gestaltet waren, behält eher das Grundvertrauen, dass die Organisation auch in schwierigen Zeiten menschlich handelt. Wer das Gegenteil erlebt hat, zieht den naheliegenden Schluss – und fängt an, sich nach Alternativen umzusehen [5].
Das ist der direkte Hebel, den Führungskräfte und Unternehmen in der Hand haben. Die Qualität der Trennungsgespräche wirkt nicht nur auf die, die gehen – sie wirkt mindestens genauso stark auf die, die bleiben. Was in diesen Gesprächen passiert und wie du dich als Führungskraft dabei verhältst, beschreibe ich ausführlich im Artikel Trennungsgespräch führen.
Katja Michalek kennenlernen!
Für gesunde Führung in Ihrem Unternehmen.
Was du tun kannst – und was du lassen solltest
Das Survivor-Syndrom ist kein Problem, das du als Führungskraft „lösen“ kannst. Du kannst die Schuld deines Teams nicht wegnehmen, das Misstrauen nicht wegargumentieren und die Angst nicht mit einer motivierenden Ansprache auflösen. Was du tun kannst, ist, die Bedingungen beeinflussen, unter denen dein Team diese Phase verarbeitet – und vermeiden, dass du selbst zum Verstärker des Problems wirst.
Was du tun kannst
Das Erste und Wichtigste
Benenne, was im Raum steht. Nicht therapeutisch, nicht mit großer Geste, sondern als ehrliche Feststellung. „Ich weiß, dass die letzten Wochen für euch nicht einfach waren – auch wenn euer Arbeitsplatz sicher ist. Das, was passiert ist, wirkt nach, und das ist normal.“ Ein Satz wie dieser gibt dem, was dein Team empfindet, eine Berechtigung. Er signalisiert: Ich sehe, dass hier etwas ist, und ich tue nicht so, als wäre nichts passiert. Das klingt banal, aber in den meisten Teams nach einer Entlassungswelle passiert genau das Gegenteil – es wird so getan, als wäre der Einschnitt vorbei, weil die Gespräche geführt sind.
Das Zweite
Sprich konkret über das, was kommt – und sei ehrlich über das, was du nicht weißt. Dein Team braucht keine Motivationsrede und keine Vision für die nächsten fünf Jahre. Es braucht Orientierung für die nächsten Wochen. Was ändert sich an Zuständigkeiten? Welche Aufgaben fallen weg, welche werden umverteilt? Gibt es eine weitere Welle, und wenn ja, wann ist Klarheit darüber zu erwarten? Wenn du auf manche dieser Fragen keine Antwort hast, sag das – „Ich weiß es noch nicht, und sobald ich es weiß, sage ich es euch“ ist ein Satz, der Vertrauen aufbaut, weil er ehrlich ist. „Wir schaffen das schon“ hingegen ist ein Satz, den dein Team als Worthülse liest, besonders jetzt.
Das Dritte
Passe die Arbeitslast an, bevor dein Team es für dich tut. Nach einem Stellenabbau sind Stellen weg, aber Aufgaben meistens nicht. Wenn du nicht aktiv klärst, was liegen bleiben darf und was tatsächlich von den verbleibenden Schultern getragen werden muss, füllen deine Leute die Lücke selbst – die Überanpasser, indem sie sich aufreiben, und die Rückzügler, indem sie alles auf dem Minimum fahren. Beides führt ins selbe Ergebnis: Erschöpfung, Frust und irgendwann Fluktuation. Dieser Punkt liegt nicht allein in deiner Hand – er ist auch eine Frage an die Organisation, die im nächsten Abschnitt adressiert wird. Aber den ersten Schritt kannst du selbst machen: mit deinem Team durchgehen, was realistisch leistbar ist und was nicht, und dieses Ergebnis nach oben kommunizieren.
Und dann gibt es die Dinge, die du lassen solltest – und die schwerer wiegen, als du vielleicht denkst.
Was du lassen solltest
Lass „jetzt müssen wir nach vorne schauen“ nicht dein erster Satz sein. Der Impuls ist verständlich – du willst Energie erzeugen, Richtung geben, die Lähmung durchbrechen. Aber Zuversicht, die zu früh kommt, wirkt auf ein Team, das noch mitten in der Verarbeitung steckt, wie eine Aufforderung, die eigenen Gefühle beiseitezuschieben. Echte Zuversicht – die Art, die ein Team tatsächlich mitnimmt – entsteht erst, wenn die Trauer Raum hatte. Das ist keine Schwäche und kein Zeitverlust, sondern die Voraussetzung dafür, dass „nach vorne schauen“ irgendwann mehr ist als eine Floskel. In meiner Arbeit mit der Resi-Methode® nenne ich diesen Aspekt den Faden Optimismus – und er zeigt seine Wirkung erst im Zusammenspiel mit Emotionssteuerung, also der Fähigkeit, den Gefühlen des Teams Raum zu geben, bevor Zuversicht glaubwürdig werden kann. Optimismus ohne diesen Raum ist keine Resilienz, er schadet eher, als er nützt. Die ausführliche Auseinandersetzung mit allen sieben Fäden findest du im Artikel zur Resilienz für Führungskräfte [Link zu Spoke #8].
Lass dich nicht dazu verleiten, die Trauer deines Teams als Widerstand zu lesen. Wenn jemand zwei Wochen nach der Entlassungswelle noch still ist, weniger beiträgt, gereizter reagiert als sonst – dann ist das in den meisten Fällen kein Leistungsproblem und keine Verweigerung. Es ist die Nachwirkung eines Einschnitts, der verarbeitet werden will. Wer hier mit Leistungsgesprächen oder „klaren Erwartungen“ reagiert, treibt die Stillen tiefer in den Rückzug und die Überanpasser tiefer in die Erschöpfung.
Und: Zeige nicht deine eigene Erleichterung. Auch wenn du froh bist, dass die Gespräche hinter dir liegen, dass der schlimmste Teil vorbei ist – dein Team darf das nicht sehen. Für dein Team bist du gerade die Repräsentantin einer Organisation, die Menschen vor die Tür gesetzt hat. Deine Erleichterung liest sich für dein Team als Gleichgültigkeit – auch wenn sie das nicht ist. Was du mit deiner eigenen Belastung machst, ist eine andere Frage, die weit über diesen Abschnitt hinausgeht – ich beschreibe sie im Artikel zur Sandwichposition [Link zu Spoke #5].
Was das Unternehmen tun muss – die strukturelle Ebene
Alles, was im vorigen Abschnitt steht, kann eine Führungskraft allein tun – oder zumindest versuchen. Aber das Survivor-Syndrom ist kein Führungsproblem, das sich auf der Teamebene lösen lässt, wenn die Organisation nicht mitzieht. Eine Führungskraft, die ihrem Team ehrlich sagt, was kommt, während die Geschäftsleitung schweigt, steht eines Tages allein mit ihrer Glaubwürdigkeit. Und eine Führungskraft, die die Arbeitslast anpassen will, aber von oben den Satz hört „Die Ziele bleiben bestehen“, hat keinen Spielraum, den sie anbieten könnte.
Der wichtigste strukturelle Hebel ist einer, der paradoxerweise gar nicht die Verbleibenden direkt betrifft: die Behandlung der Gehenden. Molinsky und Margolis haben gezeigt, dass Unternehmen, die Outplacement-Angebote machen, faire Abfindungen zahlen und saubere Abschiede ermöglichen, damit nicht nur den Betroffenen helfen – sie reduzieren gleichzeitig die Schuldlast der Führungskräfte, die die Gespräche geführt haben, und das Misstrauen der Verbleibenden [7]. Das ist dreifache Wirkung mit einem einzigen Instrument. Umgekehrt gilt: Wer bei den Gehenden spart, zahlt bei den Bleibenden drauf – in Fluktuation, Krankheitsausfällen und Vertrauensverlust. Eine ausführliche Rechnung dazu findest du im Artikel Die versteckten Kosten von Massenentlassungen.
Der zweite Hebel ist Kommunikation – und zwar nicht die Sorte, die in einer vorformulierten Mail an alle Mitarbeitenden besteht. Verbleibende brauchen Antworten auf zwei Fragen: Warum ist passiert, was passiert ist? Und was kommt jetzt? Die erste Frage verlangt eine ehrliche Begründung, die über „die Marktlage erfordert“ hinausgeht. Die zweite verlangt einen konkreten Ausblick, der nicht alles beantworten muss, aber zeigt, dass jemand nachgedacht hat. Wenn beide Fragen unbeantwortet bleiben, füllt das Team die Lücke selbst – mit Gerüchten, Worst-Case-Szenarien und der Überzeugung, dass die nächste Welle nur eine Frage der Zeit ist.
Der dritte Hebel ist der, der am häufigsten fehlt: die Begleitung der Führungskräfte über die Gespräche hinaus. Die meisten Unternehmen investieren in die Vorbereitung – ein Gesprächstraining, ein Leitfaden, vielleicht ein halber Tag mit einem externen Coach. Danach gilt die Sache als erledigt. Aber die eigentliche Führungsarbeit beginnt nicht vor den Gesprächen und nicht in den Gesprächen, sondern danach – in den Wochen und Monaten, in denen das Team stabilisiert, Vertrauen wieder aufgebaut und die Richtung neu justiert werden muss. Eine Führungskraft, die diese Phase ohne Rückendeckung durchsteht, ist am Ende selbst ein Survivor. Was diese Begleitung konkret umfasst und warum ein einzelner Trainingstag das falsche Format ist, beschreibe ich im Artikel „Was Führungskräfte vor Trennungsgesprächen wirklich brauchen“ [Link zu Spoke #7].
Zum Abschluss
Wenn du gerade in der Phase bist, in der die Gespräche hinter dir liegen und dein Team wieder funktionieren soll – aber irgendetwas nicht stimmt, das du nicht greifen kannst –, dann hast du in diesem Artikel vielleicht eine Sprache dafür gefunden. Das Survivor Syndrome ist kein Randphänomen und keine Überempfindlichkeit deines Teams. Es ist eine gut erforschte, vorhersagbare Reaktion auf einen Einschnitt, der tiefer geht, als die meisten Organisationen wahrhaben wollen.
Du kannst nicht verhindern, dass dein Team diese Phase durchläuft. Aber du kannst beeinflussen, wie lange sie dauert und wie viel Schaden sie anrichtet – indem du benennst, was im Raum steht, und ehrlich bist über das, was du weißt und was nicht – und indem du die Arbeitslast anpasst, bevor dein Team unter ihr wegbricht. Das klingt unspektakulär – und genau deshalb wird es so oft übersprungen.
Was diese Phase mit dir selbst macht – mit deiner eigenen Stabilität, deiner eigenen Schuld, deinem eigenen Gefühl, zwischen allen Stühlen zu stehen –, ist eine Frage, die diesen Artikel übersteigt. Im Artikel zur Sandwichposition [Link zu Spoke #5] gehe ich darauf ein. Und wenn du wissen willst, welche inneren Ressourcen dir in dieser Phase zur Verfügung stehen und wie du sie stärken kannst, findest du das im Artikel zur Resilienz für Führungskräfte [Link zu Spoke #8].
Ich begleite Führungskräfte durch genau diese Phasen – mit meinem Format ZWISCHEN. Trennung & Menschlichkeit, das nicht beim letzten Gespräch aufhört, sondern dort anfängt, wo die eigentliche Führungsarbeit beginnt. Wenn du gerade in einer solchen Phase steckst oder als Unternehmen darauf zusteuerst, melde dich.
Zwischen – das Interventionsformat
Katja Michalek
Ich begleite Führungskräfte durch Trennungs- und Restrukturierungsphasen
Trennung und Menschlichkeit.
Das Format umfasst die Stabilisierung vor den Gesprächen, die Begleitung während der Umsetzung und die Arbeit mit dem verbleibenden Team danach.
Über drei bis sechs Monate, je nach Umfang der Restrukturierung, begleite ich Sie in einem bestimmten Rahmen, während einer der anspruchsvollsten Führungssituationen, die es gibt.
Weiterführende Artikel
Weitere vertiefende Themen über Massenentlassungen in Unternehmen
Quellen
[1] Trevor, C. & Nyberg, A. (2008): Keeping Your Headcount When All About You Are Losing Theirs: Downsizing, Voluntary Turnover Rates, and the Moderating Role of HR Practices. Academy of Management Journal. Bis zu 63 Prozent höhere freiwillige Fluktuation bei niedriger prozeduraler Fairness.
[2] Park, T.-Y. & Shaw, J. (2013): Turnover Rates and Organizational Performance: A Meta-Analysis. Journal of Applied Psychology, 98(2), 268–309. Negativer Zusammenhang insbesondere bei kundennahen Qualitätskennzahlen.
[3] Vahtera, J. et al. (2004): Organisational Downsizing, Sickness Absence, and Mortality: 10-Town Prospective Cohort Study. BMJ, 328, 555. Sowie: Kivimäki, M. et al. (2000): Factors Underlying the Effect of Organisational Downsizing on Health of Employees. BMJ, 320, 971–975. Finnische Langzeitkohortenstudien mit Registerdaten zu Krankheitsausfällen und kardiovaskulärer Mortalität nach Downsizing.
[4] Grunberg, L. et al. (2006): Managers‘ Reactions to Implementing Layoffs: Relationship to Health Problems and Withdrawal Behaviors. Human Resource Management, 45(2). 410 Führungskräfte – Zusammenhang mit Gesundheitsproblemen, Schlafstörungen, Kündigungsabsicht.
[5] Heinz, M. et al. (2015): The Effect of Announced Downsizing on Workplace Performance: Evidence from a Retail Chain. IZA Discussion Paper No. 9739. Ökonometrische Studie an einer deutschen Einzelhandelskette.
[6] Glassdoor Economic Research (2024): Layoffs Cast a Long Shadow. Bewertungseffekte und Erholungszeiträume nach Entlassungen.
[7] Colquitt, J. A. (2001): On the Dimensionality of Organizational Justice. Journal of Applied Psychology, 86(3), 386–400. Metaanalyse zu Organisationsgerechtigkeit – Zusammenhänge von Fairnessdimensionen mit Trust, Commitment und Performance.
[8] Brockner, J. et al. (1994): Layoffs, Job Insecurity, and Survivors‘ Work Effort. Sowie: Brockner, J. (1992): Managing the Effects of Layoffs on Survivors. California Management Review, 34(2). Survivors-Perspektive – Fairness, Erklärung und Behandlung der Betroffenen als zentrale Treiber von Vertrauen.
